· 

Hilfmittel in der Hundeerziehung

Mit der Anzahl der im Handel erhältlichen Hilfsmittel für die Hundeerziehung  wächst auch oft die Verwirrung beim Hundehalter. Der Markt ist voll von Gerätschaften, Vorrichtungen und Helferleins, die meist oft sehr schnellen und nachhaltigen Erfolg versprechen.

 

Was ist dazu zu sagen?

 

Wie bei allem, was man tut, sollte man auch den Einsatz mancher Hilfsmittel genau überdenken.
Was passiert beim Einsatz? Wie oder was lernt der Hund daraus?
Manchmal hilft einfach nur, genauer hinzuschauen und mit dem Bauch zu denken – anstelle kritikfrei zu übernehmen, was einem die Werbung, die Hersteller und manche “Hundeversteher” Glauben machen wollen…

 

Um einen Überblick zu verschaffen, möchte ich verschiedene Hilfsmittel und wie sie meiner Ansicht nach zu bewerten sind, auflisten und kurz deren Wirkweise sowie mögliche Gefahren bei der Verwendung erläutern.

 

 

Aversiv wirkende Hilfsmittel

 

Was bedeutet “Aversiv”?
Im Duden steht: “starke Ablehung hervorrufend”
Mit aversiv wirkenden Hilfsmitteln bedient man sich dem Instrument der positiven Bestrafung. Positiv im Sinne von “etwas hinzufügen”. Also ein dem Hund sehr unangenehmer Reiz wird hinzugefügt, in der Hoffnung, dass das unerwünschte Verhalten damit in Zusammenhang gebracht wird und in Zukunft weniger gezeigt wird, bzw. ganz verschwindet.

 

  • Stachelhalsband
    Wie der Name schon sagt, ist das ein Halsband, welches an der Innenseite scharfe Stacheln trägt. Ziel des Einsatzes ist, dem Hund durch einen beherzten Ruck einen Schmerzreiz hinzuzufügen, der ihn veranlassen soll, ein unerwünschtes Verhalten (Leinenziehen, Leinenpöbeln usw.) “abzustellen”.

  • Sprühhalsband
    auf Knopfdruck wird dem Hund ein harter Wasserstrahl, Druckluft oder ein scharfer Geruch (oft Zitronenduft) ins Gesicht/auf die Nase geblasen. Auch hier soll das Ziel sein, dass der Hund ein für den Halter störendes Verhalten in Zukunft unterlässt. Als besonders positiv wird hier empfunden, dass man das Gerät auch auf weitere Entfernungen bedienen kann und somit dem Hund auch auf Distanz Unbehagen/Schreck/Schmerz zufügen kann.
    Clarissa v. Reinhardt hat hierzu einen ausführlichen Artikel geschrieben, den Sie hier lesen können.

  • Stromhalsband / Teleimpulsgerät (TIG)
    Ja – hier haben wir wieder ein besonders schönes Beispiel von Bürokratenwirrwarr und Lobbyismus: Der Erwerb und Besitz von Stromreizgeräten ist in Deutschland erlaubt, ihr Einsatz allerdings verboten.
    Stromhalsbänder sollen auf sehr weite Entferung ein Verhalten bestrafen oder unterbrechen. Beliebter Einsatz in der Jagdhundeausbildung  und umgekehrt  leider auch oft im Antijagdtraining. Beliebtes Hilfsmittel bei Stammtischschutzhundlern, um Verhalten “abzusichern”.

  • Wurfketten/Trainingsdisks/Wasserflasche/Rütteldose
    sollen unerwünschtes Verhalten mittels Schreckreiz unterbrechen. Für manche Hunde ist das der Supergau (besonders Hunde, die schreckhaft oder ängstlich sind), bei manchen sorgt das lediglich für Verwirrung und von Seiten des Hundehalters werden dann oft immer “schwerere Geschütze” aufgefahren, um das ungezogene Tier zur Räson zu bringen. Nicht selten bastelt man sich auf die Art und Weise eine Geräusch- oder Umweltangst.

  • Fußleine
    “Schluß mit lästigem “Leinenziehen” – perfekt und sicher “bei Fuß” gehen! Endlich! Die wirksame und schnelle Hilfe bei der Erziehung zur Leinenfürhigkeit.” – So wird Herstellern und Händlern geworben.
    Die Fußleine ist eine extrem kurze Leine, die am Bein befestigt wird und dem Hund keinerlei Spielraum lässt.
    Warum steht sie unter “aversiven Hilfsmitteln”? Dem Hund wird nicht erklärt, was er tun soll – er merkt nur, dass er manches nicht mehr machen kann. Dinge wie Schnüffeln, Markieren und andere für den Hund wichtige Tätigkeiten können so nicht mehr ausgeübt werden. Und Jawohl – das erzeugt großen Stress und großes Unwohlsein beim Hund. Der Lerneffekt ist mehr als zweifelhaft.

  • Erziehungsgeschirre
    (unter den Namen “EasyWalk”, “Maxi Leader”, Maxi Coach”, “Non-Pull-Harness” bekannt)
    Diesee Geschirre fügen dem Hund Schmerzen zu, indem sie an den empfindlichen, fast unbemuskelten, dünnhäutigen Stellen des Körpers quetschen, wenn der Hund zieht. Der Hund lernt, Schmerzen zu vermeiden, indem er sich zurücknimmt. Das Laufen an lockerer Leine hingegen lernt er damit nicht.

  • Halti (Kopfhalfter)
    Auch das Halti reihe ich hier mit ein. Meistens wird aus dem Halti nämlich ein “Zerri”.
    Das Halti soll verhindern, dass ein impulsiver Hund zu sehr “nach vorne” geht. Manche Hundehalter können ihren Hund nur mit Halti halten. Dabei sollte ein Leinenende am Halti befestigt sein, das andere Ende an Halsband oder Geschirr. Immer wenn der Hund zieht, soll über die Leine, die am Halti hängt, ein kleiner “Impuls” (warum bin ich auf dieses Wort nur so allergisch?) ausgeübt und der Kopf des Hundes Richtung Halter ausgerichtet werden. Dazu zieht sich das Halfter über dem empfindlichen Nasenbereich des Hundes zusammen. Man könnte das Halti durchaus sinnvoll ins Training integrieren – WENN es richtig verwendet wird. Ich habe “da draussen” allerdings noch niemanden gesehen, der damit umgehen kann. Da wird geruckt, gezerrt oder der Hund gar gänzlich ohne Halsband NUR am Halti “geführt” …deswegen zum Halti von mir ein klares NEIN.

  • Würgehalsbänder
    sind so konzipiert, dass sie sich bei Zug seitens des Hundes so zusammenziehen, dass sie den empfindlichen Halsbereich oder schlimmer noch den Kehlkopf würgen. Ganz besonders perverse Varianten sind die sogenannte “Schlegelschlinge” (“erfunden” von einem schweizer Hundetrainer gleichen Namens) und das “Illusion Collar” (“erfunden” von einem bekannten TV-Hundeflüsterer). Diese sehr sehr dünnen Zughalsbänder werden sehr weit oben am Hundekopf angesetzt, genau da, wo viele Schmerzpunkte sitzen. Ein heftiger Ruck – und der Hund hat sehr große Schmerzen…

 

Was bewirkt “aversiv”, was lernt der Hund?

 

Das Zufügen von Schmerz kann niemals etwas Positives bewirken! Warum finden dann immer noch soviele dieser Hilfsmittel den Weg in unbedarfte Hundehalterhände? Zum Einen natürlich, weil eine schnelle Problemlösung versprochen wird. Das klingt verführerisch und verlockend. Wer wollte nicht ohne großen Trainings- und Zeitaufwand das unerwünschte Verhalten seines geliebten (??) Vierbeiners loswerden?
Dabei wird leider oft vergessen bzw. verschwiegen, dass solche Methoden keinesfalls ein Verhalten verändern! Sie stellen es lediglich ab (wenn überhaupt). Und nicht, weil der Hund gelernt hat, sich richtig zu verhalten oder richtig mit bestimmten Situationen umzugehen, sondern weil er einzig gelernt hat, dass es weh tut, wenn er nicht spurt. Das Problem besteht weiterhin! Der Hund traut sich nur nicht mehr, es zu zeigen! Es wird also rein über das Meideverhalten gearbeitet. Und der Konflikt schwelt weiterhin im Hund und sucht sich irgendwann einen anderen Weg um nach draußen zu brechen.
Oft werden so Leinenagression oder Angstmotivierte Aggression überhaupt erst erlernt – und dann treibt man den Teufel mit dem Belzebub wieder aus. Zurück bleibt ein zutiefst verunsicherter Hund, der im besten Fall (für den Halter – für den Hund ist das eine extrem furchtbare Situation!) in eine erlernte Hilflosigkeit verfällt und sich gar nichts mehr traut, aus Angst der Himmel fällt ihm gleich wieder auf den Kopf – und im schlimmsten Fall (wieder für den Halter) eine rückgerichtete Aggression entwickelt und seinen Halter (oder andere in seinem Umfeld) angeht.
Nicht selten werden solche “untherapierbaren” Hunde dann vom Tierarzt im wahrsten Sinne des Wortes erlöst.

 

Wenn das Öllämpchen an meinem Auto leuchtet, löse ich das Problem nicht, indem ich das Birnchen rausschraube!! Das, was mir mein Auto damit sagen will – nämlich dass es Öl braucht – kommt nicht mehr bei mir an und irgendwann hat mein Wagen einen Kolbenfresser. Bedauerlicherweise gehen viele Hundehalter mit ihrem Auto fürsorglicher um, als mit ihrem Hund…

 

 

Unsere besten Freunde sollen lernen, entspannt mit Problemen umgehen zu können. Sie haben es verdient, dass wir ihnen etwas von unserer Zeit widmen, um ihnen zu zeigen, wie sie Konflikte lösen können und dafür zu sorgen, dass sie die Chance erhalten in einem freundlichen Umfeld lernen zu dürfen.


Aus diesem Grund lehne ich die oben aufgeführten Hilfsmittel strikt und kategorisch ab!

 

 

 

Hilfsmittel für ein entspanntes Training

 

  • Clicker/Markersignal
    Mittels Konditionierung wird ein zunächst neutrales Geräusch (z.B. der Click, ein Wort, Schnalzen usw.) mit etwas für den Hund belohnendem verknüpft. Dieses Signal kündigt fortan dem Hund an, dass jetzt gleich etwas Angenehmes passiert. Hunde lernen gut über Versuch und Irrtum. Lohnt sich ein Verhalten, wird es in der Zukunft häufiger gezeigt werden, lohnt es sich nicht, wird es weniger gezeigt oder irgendwann ganz erlischen.
    Ich persönlich mag den Clicker auch deswegen so gerne, weil er keinerlei Gefühle transportiert und immer gleich klingt. Beim verbalen Markersignal ist das besonders in für den Hundehalter schwierigen Situationen nicht immer gegeben. Für ruhiges Training (Tricks usw.) oder in für mich entspannten Situationen benutze ich es jedoch sehr gerne.

  • Schleppleine
    sorgt dafür, dass unser Hund keinen Fehler machen kann, solange er noch nicht gut abrufbar ist und gibt ihm gleichzeitig genug Raum, um “hundlichen” Beschäftigungen wie Schnüffeln, Buddeln, Markieren, Erkunden usw. nachzugehen. Ein unentbehrlicher Helfer im Rückruf- und Antijagdtraining oder auch beim Training von reaktiven Hunden, die im Angesicht von bestimmen Auslösereizen (Menschen, Hunde, Jogger, Radler usw.) ihre sonst gute Erziehung vergessen können. Die SL sorgt für genügend Bewegungsfreiraum auch in für den Hund schwierigen Situationen. Er kann reagieren – ausweichen, Bögen laufen – ohne den Stress einen hektisch zerrenden Hundehalter am anderen Ende der Leine aushalten zu müssen ;-)

  • Hundepfeife
    gibt es in verschiedenen Ausführungen. Mittels einer Hundepfeife kann man einen sogenannten “Superrückruf” trainieren. Einen Rückruf, auf den der Hund sofort freudig angeflitzt kommt :-)
    Eine Hundepfeife dringt noch zum Hundegehirn durch, wo die normale Stimme schon nicht mehr hinkommt. Etwa in hoher Reizlage beim Verfolgen von Wild oder weil der Lieblingsfeind des Hundes am Horizont aufgetaucht ist..
    Das Geräusch ist immer gleichbleibend und emotionsfrei. Eine Hundepfeife kann auch genutzt werden, um den Hund auf Distanz zu lenken – etwa durch verschiedene Pfiffe.

  • Belohnung
    entgegen weitläufiger Ansicht ist Belohnung nicht NUR Leckerli geben, sondern AUCH. Eine Belohnung sollte immer bedürfnisbefriedigend für den Hund sein. Hierzu ist es hilfreich, seinen Hund gut zu beobachten und herauszufinden, welche Art von Belohnung er in diesem Moment bevorzugen würde. Ruft man seinen Hund erfolgreich vom flüchtenden Reh ab, ist das dafür verabreichte schnöde Bröckchen Trockenfutter bei Weitem nicht das, was das erwünschte Verhalten (nämlich das Umkehren von Wild!!) verstärken würde. Nur eine bedürfnisbefriedende Belohnung verstärkt das vorangegangene Verhalten. Und die größtmöglichste Belohnung ist im Prinzip das, was er gerade gerne am allerliebsten hätte. So kann man das Abwarten, bis der Futterbeutel geworfen ist und am Boden liegt bestens damit verstärken, dass er nun genau da hin rennen darf. Oder das Warten an Mauselöchern mit der Freigabe zum Buddeln….

 

Und manche vermeintliche Belohnungen sind für den Hund eher Bestrafung – so mögen viele Hunde für das ordentliche Ausführen eines Signals überhaupt nicht gestreichelt werden – ihr Mensch meint allerdings, dass das toll für den Hund ist (… und wundert sich, dass sein geliebter vierbeiniger Freund mit der Zeit immer zögerlicher kommt, wenn er gerufen wird….)

 

  • Spielzeug
    soll nicht dazu dienen,  es dem Hund bis zur Bewustlosigkeit zu werfen, damit er es wieder bringen kann (und damit bilderbuchmäßiges Zwang- oder Suchtverhalten zu fördern), sondern kann die verschiedensten Zwecke erfüllen.
    So kann man seinen Hund auf ein ganz bestimmtes Lieblingsspielzeug fixieren, dass er nur zu besonderen Gelegenheiten bekommt und ihn somit entweder an brennzligen Situationen vorbei”mogeln” (fremde Hunde, Radfahrer, davonlaufendes Wild) oder es als Superbelohnung für richtiges Verhalten einsetzen. Das Vorbeimogeln ist dabei allerdings als Notfallmanagement zu betrachten. Das ist KEIN Training. Im Training soll der Hund lernen, sich mit dem Auslöser auseinanderzusetzen und sich trotzdem “richtig” zu verhalten. Mithilfe der Werkzeugkiste der positiven Verstärkung kann man den Reizauslöser zum Beispiel zu einem Signal für ein anschließendes (Alternativ-)Verhalten modifizieren. Wenn ein ehemals massiv Jogger jagende Hund irgendwann beim Anblick eines Joggers ohne Aufforderung kehrt macht und zum Hundehalter rennt oder sich einfach hinlegt und den Jogger vorbeilaufen lässt, hat das Mensch-Hund-Gespann das Klassenziel mit Auszeichnung erreicht :-)
    Aber das ist ein anderes Thema….

 

Was bewirkt Training, welches auf Gewalt verzichtet, was lernt der Hund?

 

Belohnung statt Bestrafung bedeutet, dass richtiges Verhalten wichtiger sind als Fehler. Es bedeutet, dass die Aufmerksamkeit auf dem liegt, was Ihr Hund kann und nicht auf den Fehlern, die er macht. Beobachten Sie Ihren Hund und fördern Sie jeden guten Ansatz mit einer Belohnung, mit einem positiven Gefühl, mit lieben Worten - dann wird seine Motivation, Ihnen zu gefallen und sich richtig zu verhalten, mehr und mehr steigen. Und auch Sie selbst werden merken, dass sich Ihre Einstellung verändert. Nach und nach rückt das Positive immer mehr ins Blickfeld. Das schafft ein harmonisches Familienklima und eine liebevolle Atmosphäre.
Gleichzeitig werden Problemlösungsstrategien vermittelt – insbesondere durch das Erlernen von Alternativverhalten in Situationen, in denen Ihr Hund eigentlich etwas vollkommen anderes machen möchte.
Hierzu sollte man seine eigene Motivation und Zielsetzung unter die Lupe nehmen. Wer z.B. mit Kindern arbeitet, weiß, dass es erfolgreicher ist zu sagen, was man vom Kind erwartet und nicht, was es lassen soll – etwa in der Art:

 

  • „Setz Dich bitte hin“ statt „Hör auf herumzuzappeln“  .
  •  „Iss bitte mit Löffel und Gabel und nicht mit den Fingern“ anstatt „Mach hier nicht so eine Sauerei“.
  • „Welche Möglichkeit könnte es geben, die Sache ohne Streit zu lösen?“ anstatt „Warum streitet ihr denn schon wieder“.

 

Die biochemischen und verhaltensbiologischen Zusammenhänge im Gehirn sind bei Säugern (und dazu gehört auch der Mensch) vergleichbar und auch Lernen funktioniert auf die gleiche Art und Weise. Manchmal hilft es, einfach  nur den Blickwinkel zu verändern ….

 

 

Die allerwichtigsten Hilfsmittel im Zusammenleben mit unseren Hunden sind:

 

Geduld, Einfühlungsvermögen und Konsequenz

 

sind die vielleicht wichtigsten und sogleich preiswertesten “Trainingsutensilien” die man beim Hundetraining – gleich welcher Art – dabei haben sollte.
Sind kostenlose Dreingabe beim Erwerb des “Herzensverstandes” und werden auch im Paket “Liebe” kostenfrei mitgeliefert.

 

Humor und Freude am Leben MIT seinem Hund

 

… sind leider oft nicht angeboren, aber der Grundstein für ein harmonisches Miteinander. Diese Sachen sind ebenfalls kostenfrei im Paket “Leben” mit enthalten. Man muss sie nur auspacken ;-)

 

 

(c) Sabine Wöhner 2012